Dieses Mal haben wir uns genau an die angekündigten Pläne gehalten: Nachdem uns die Zeit weitergedrängt hat, sind wir über die deutsche Kolonialstadt Blumenau (mit eigener Brauerei nach deutschem Reinheitsgesetz und etwelchen weiteren beobachtbaren Eigenheiten aus unserem lieben und grossen Nachbarland) zurück nach Curitiba gefahren, wo wir auf Adrian, seines Zeichen oberster Führer von Gebana und Cousin von Düsä D. Wenk, und Cesar, seines Zeichen oberster Führer von Gebana Brasil, gestossen sind. Nach dem Empfang dürfen wir einmal mehr ein ausgiebiges brasilianisches Essen über uns ergehen lassen, um für die lange Autofahrt nach Hause gut gerüstet zu sein.
Dass Brasilien ein grosses Land ist, habe ich für die Geografie-Unerfahrenen ja bereits erwähnt. Im Rahmen der Rückfahrt von der Geschäftsreise von Adrian und Cesar, der wir beiwohnen dürfen, bedeutet dies eine Durchquerung von Brasilien (zugegeben nicht gerade an der breitesten Stelle) praktisch von der Atlantikküste bis zur argentinischen Grenze, d.h. anschliessend an die vier bereits im Bus verbrachten Stunden kommen nochmals gut acht im Auto dazu. Eine solche Autofahrt auf den Strassen Brasiliens kann sich jedoch durchaus kurzweilig gestalten:
Zuerst bringt uns eine zweispurige Schnellstrasse aus Curitiba hinaus in Richtung Nordwesten. Gewisse Analogien zu den uns bekannten Autobahnen bestehen bei dieser Sorte von Strasse durchaus. So kann man hier auch mit wenig Mühe überholen und der Strassenzustand ist geradezu erfreulich. Die Unterschiede liegen also mehr im Detail. Während in der Schweiz Autobahnen so etwas wie ein autarkes Heiligtum für die grossen und motorisierten Verkehrsteilnehmer sind, bieten sich hier mehr Möglichkeiten für die Armen und Schwachen unter den Verkehrsteilnehmern. So trifft man neben den erwähnten, meist mit über hundert Kilometer pro Stunde fahrenden Blechbüchsen auch Velofahrer und Fussgänger an, die entweder schnell die Strasse überqueren müssen oder einen Teil ihres Heimweges entlang der Strasse zurücklegen möchten. Weiter gibt es entlang der Strasse diverse Tiere zu beobachten (Hunde, Pferde, Hühner). Hier und da trifft man auch auf marktähnliche Stände und Hüttchen, die Früchte, Nüsse und Gebrauchsgegenstände feil bieten. Man sieht also, dass es sich keineswegs um monotone Gebilde handelt. Vielmehr sind alle dazu eingeladen an der Gestaltung des Mikrokosmos Autobahn teilzunehmen. Dazu passt, dass ebenfalls im Gegensatz zu unseren Gewohnheiten, die entgegenkommenden Fahrzeuge nicht strikt auf einer direkt angrenzenden Strasse fahren müssen. Je nach topologischer und landschaftlicher Vorgabe sind die beiden Richtungen durch Wald, Täler oder Berge getrennt, was natürlich den Vorteil hat, dass man bei der Hinfahrt nicht dasselbe zu sehen bekommt wie bei der Rückfahrt.
Nun gut, diese zweispurigen Strassen sind nicht überall vorhanden und beschränken sich bei unserer Fahrt auf die ersten etwa hundert Kilometer. Danach fängt die Abwechslung erst richtig an: Normale einspurige Strassen mit Gegenverkehr und zeitweiser Notspur, die auch mal zum Rechtsüberholen benutzt werden kann oder die sich bei der Abbrechung eines zu riskanten Überholmanövers (natürlich ist hier die Notspur der entgegenkommenden Spurrinne gemeint) als nützlich erweist. Womit wir eigentlich schon beim abwechlsungsreichsten Bestandteil der Fahrt sind, dem Überholen von zu langsam fahrenden Lastkraftfahrzeugen (genau, Lastwagen gibt es auch in Brasilien in allen Formen, Längen, Höhen und Gewichstklassen und auch hier in nicht zu übersehendem Ausmass und auch hier meistens als Hinderniss auf der Strasse). Diese Manöver sind am spannendsten, wenn sich einige Lastwagen zusammengeschlossen haben und so einen längeren Konvoi bilden. Dabei kann dann festgestellt werden, wie gut es ist, dass die erwähnten Notspuren existieren. Da diese Spuren nicht immer vorhanden sind, respektive nicht immer zur richtigen Zeit genutzt werden, gibt es in Brasilien auch hin und wieder mal einen Unfall. Für den Reisenden manifestiert sich dies entweder durch am Strassenrand stehende Autowracks (da grundsätzlich schnell aufgeräumt wird, meist von kürzlich passierten Missgeschicken) oder aber durch das Glück in einer Kolonne zu stehen und zu warten bis weiter vorne die Strasse wieder zur Durchfahrt freigegeben wird.
Dass man bei den vielen zurückzulegenden Kilometeren nicht verhungert, verdurstet, mit zuwenig Sprit stehen bleibt, ohne Kühlwasser weiterfahren muss (oder eben nicht mehr kann), vor lauter zerdrückten Insekten auf der Frontscheibe die Strasse nicht mehr sieht oder schlicht seine Beine und Füsse nicht mehr spürt, gibt es immer mal wieder Raststätten mit allem Drum und Dran: Restaurants, Tankstellen, Teezubereitungsanlagen, Souvenirshops und vieles mehr. So kann man auch den Beinen etwas Abwechslung gestatten, den Magen strapazieren, das Auto liebkosen und den Teebecher füllen.
Beim Inhalt des Letzteren handelt es sich um Chimarrão (Mate-Tee), der in Brasilien vor allem hier im Süden geschätzt und bei allen möglichen Gelegenheiten – natürlich auch während dem Autofahren – getrunken wird. Die Zubereitung ist eine Wissenschaft für sich, jedoch bei allen Tankstellen möglich. Dort gibt es eine separate Stelle, wo man das benötigte Wasser auf die verschiedenen Temperaturen, die zur Zubereitung nötig sind, bringen kann. Dann wird der Becher mit Matepulver gefüllt und Wasser dazugegossen. Zurück im Auto wird der Tee dann reihum gereicht und der Becher immer wieder mit etwas Wasser aufgefüllt. Dies verkürzt irgendwie die Zeit und es fühlt sich hervorragend an, Teilnehmer eines sozialen „brasilianischen“ Invents zu sein. Gegen Mitternacht erreichen wir das kleine Städtchen Capanema. Es liegt ganz im Westen des Bundesstaates Paraná und hat eine eindrückliche Entstehungsgeschichte von etwa fünfzig Jahren. Allein schon für die Landschaft hat sich die lange Autofahrt allemal gelohnt.
Seit Freitag sind wir nun also hier und gewöhnen uns an das typische Leben einer typischen brasilianischen Mittelstandfamilie, die zwar Schweizer Wurzeln hat und wohl auch bald wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren wird, die sich aber vorzüglich integriert hat. Sozusagen ein Musterbeispiel für eine gelungene Integration: alle sprechen portugiesisch, die Kinder gehen zur Schule, die Eltern arbeiten (legal) und niemand profitiert von möglichen Staatshilfen.
sláinte