einige Notizen

By goldfischmichael

Es gibt noch Menschen, denen man vertrauen kann, auch in Brasilien (oder besser: gerade in Brasilien) . Gewissen Unkenrufen zum Trotz ist es hier icht gefaehrlich, zumindest nicht so gefaehrlich wie das Klischee es besagt. So haben denn die Brasilianer durchaus Vertrauen in ihre Mitmenschen: Gepaeck wird auch mal unbeaufsichtigt stehengelassen, bei Halten waehrend Busfahrten besteht beim Verlassen des Busses keine Sorge, um das zurueckgelassene Handgepaeck und in lokalen Busen haelt nicht jeder mit beiden Haenden seine Wertsachen fest. Und folgendes Beispiel zeigt, dass sich Vertrauen auch gegenueber Reisenden manifestiert:

Nach langer Busfahrt treffen wir morgens nach acht Uhr Gerard in seinem Buero. Gerard ist mit fuenf Jahren mit seinen Eltern nach Brasilien ausgewandert, moechte nie mehr zurueck nach Holland und besitzt nun in Campo Grande eine Reiseagentur. Rund 30 Minuten, in welchen er uns einen Aufenthaltsort fuers Wochenende besorgt hat, seine Frau als Fahrerin organisiert hat und uns zum naechsten Bancomaten gefahren hat, spaeter will er nur noch meinen Vornamen wissen und wuenscht uns gute Reise. Wir haben zwar schon die Haelfte des Gesamtpreises bezahlt, jedoch freiwillig. Nach Gerard haetten wir auch alles beim Zurueckkommen zahlen koennen. Touristen sind so oder so gut erzogen, vor allem wenn sie aus Europa kommen.

Knapp vier Tage sind wir dann inmitten des Pantanal, das ein riesiges (d.h. in diesem Fall etwa viermal die Flaeche der Schweiz) Sumpfgebiet im Westen Brasiliens ist, geblieben. Um dorthin zu kommen braucht es gut fuenf Stunden Autofahrt, die wir eben mit der Hilfe der Frau von Gerard, Sylvia, hinter uns bringen. Die Pousada, die auf den schoenen Namen Xaraés hoert, liegt etwa 25 Kilometer von der naechsten asphaltierten Strasse entfernt mitten im Nichts. Und obwohl diese Lage nur so zum „Into the Wild“-Spielen einlaedt, geniessen wir paradoxerweise den bisher groessten Luxus bezueglich Unterkunft: grosses Zimmer, Vollpension, Gemeinschaftsraum mit Billardtisch, Schwimmbecken, Tennisplatz, Fussballplatz und Fitnessraum. Es gibt nun Leute, fuer deren Erscheinen in der Natur solche Einrichtungen gebaut wurden. In unserem Fall handelt es sich um ein franzoesisches Ehepaar, das mit ihrem adoleszenten Sohn ebenfalls mit Sylvia angereist ist. Da die Natur fuer sie einfach nach ihren Launen und zur gewuenschten Zeit das zu zeigen hat, was sie wuenschen, sind die genannten Einrichtungen wie geschaffen fuer sie. Nur laesst sich die Familie eben schon zwei Tage frueher als geplant weiterkutschieren. Man fragt sich wohin, denn viel schoener geht es kaum. Und man fragt sich, fuer wen diese ganze Infrastruktur ist, denn uns gefiele es auch ohne.

Das Busfahren in Brasilien ist immer ein besonderes Erlebnis, vor allem Fahrten ueber laengere Distanzen sind erwaehnenswert. Beim Einsteigen kann man immer wieder Ausergewoehnliches erblicken: traurige Abschiedsszenen, die einem das Herz brechen, Handgepaeck, das den Rahmen eines Handgepaeckes um ein Mehrfaches sprengt und Leute, die scheinbar den halben Haushalt durch Brasilien transportieren moechten. So habe ich gelernt, dass es auch Koffer gibt, die groesser sind, als mein bisheriges Bild eines grossen Koffers. Und der nette Herr, der die letzte Busfahrt von uns mitgemacht hat, musste nicht weniger als zwei riesengrosse Koffer, zwei kleine Taschen, vier grosse Kartonkisten und seinen Laptop mitschleppen. Respekt! Auf dieser besagten Fahrt durften wir auch die nette Bekanntschaft mit der Polizei machen. Nicht dass sie uns etwas angetan haetten, immerhin sehen wir wie unschuldige und unwissende Touristen aus. Der Zweck ihrer Kontrolle blieb schleierhaft, der Grund ebenso (andere Busse konnten problemlos vorbeifahren). Lediglich eine Frau musste aussteigen und sich waehrend laengerer Zeit mit den Polizisten unterhalten. Ihre Hautfarbe war schwarz. Vielleicht war dies ja der Grund fuer die Kontrolle. Jedenfalls musste auch noch der Chauffeur eine Beichte ablegen ehe es, nach fast einer Stunde Warten, weitergehen konnte.

HI steht fuer Hostelling International. Das heisst aber noch nicht, dass jemand anwesend sein muss, der fuer internationale Gaeste zustaendig ist und etwas Englisch sprechen koennte. Daher gibt es immer wieder huebsche Szenen, wo meine exzellenten Portugiesch-Kenntnisse auf unglaubliche Interpretationskuenste treffen. Das Ergebnis sind langwierige Verhandlungen und ein Zimmer. Im jetztigen Hostel reichte es immerhin dazu, dass wir anstelle eines Doppelzimmers (das einzige vorhandene ist besetzt) ein ganzes Dorm mit sechs Betten fuer uns haben, zum unglaublichen Aufpreis von 2R$ pro Nacht. Es klappt also hervorragend mit der Kommunikation!

Momentan sind wir in Brasília, der Hauptstadt von Brasilien, die an einem Ort steht, wo vor gut fuenfzig Jahren noch nicht viel war – ausser Wald und Steppe. Sie konnte denn auch erst vor einigen Tagen ihren 48. Geburtstag feiern. Und da sie vom Reisbrett aus konstruiert worden ist, ist sie auch etwas speziell, aus der Vogelperspektive gleicht sie einem Flugzeug.

Mehr Zeit habe ich nun nicht mehr, vielleicht gibt es spaeter mal noch einige Bemerkungen und sonst lohnt sich Nachfragen, wenn wir zurueck sind. Dies ist ja uebrigens (fuer einige auch leider…zumindest fuer mich) schon bald der Fall, also dran denken. Morgen fahren wir nach Salvador, zurueck ans Meer.

sláinte

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