Gerne gebe ich zu, die Notiz zu Itacaré ist etwas zu blumig, zu abgehoben, ja gar unwirklich geraten. Auch wenn auf den ersten Blick solch eine Aussage hier angebracht sein mag, ist sie nicht auf Oberflaechlichkeit oder Blauaeugigkeit meinersteits zurueckzufuehren, sondern vielmehr auf den innigen Wunsch, euch frohe Botschaften ueber unser Verbleiben zukommen zu lassen.
Neben all den Annehmlichkeiten, die Brasilien bietet, gibt es eben auch die andere Seite, jene, die von Touristen (und Einheimischen) lieber verdraengt oder uebersehen wird: beklemmende Armut, Elend und Not.
Jede Medaille hat zwei Seiten oder wo die Sonne scheint, hat es auch Schattenplaetze. Itacaré ist ein gutes Beispiel, wie die Welten in Brasilien aufeinander prallen: die Touristen, die mit Geld um sich werfen, sich alles leisten und (einige) Einheimische, die davon nur traeumen koennen. Wohl als Folge davon gibt es auch in dieser Bilderbuchortschaft Ueberfaelle, Messerstechereien, sogar Schiessereien, wie wir aus sicherer und zuverlaessiger Quelle erfahren durften (an der Tagesordnung sind solche Delikte jedoch noch nicht und wir haben die Zeit gut ueberstanden). Als metaphorischer Beweis, dass ein von Menschen bewohntes Paradies auf Erden eben nicht existieren kann, darf man Itacaré durchaus heranziehen. Ein luxurioeses, dem Konsum froenendes Dasein in herrlichen Pousadas zieht neidische Blicke auf sich, vor allem wenn das eigene Leben im Dreck in kleinen Huettchen oder Backsteinhaeuschen stattfindet.
Diese zwei Welten sind denn auch stetiger Wegbegleiter des Reisenden in Brasilien und zwar in den Staedten wie auf dem Lande. Wobei ich denke, dass die Landbevoelkerung, so sie denn eigenes Land besitzt, zwar in aeusserst einfachen und bescheidenen Verhaeltnissen lebt, jedoch ueber eine gewisses Lebenswuerde verfuegt – und doch folgen viele dem Ruf des besseren Lebens in der Stadt. Hier trifft man aber oft auf die unhaltbarsten Zustaende: zusammengeflickte Huettensiedlungen, pure Armut und Verbitterung, ein Leben (fast) mit nichts. Natuerlich sind dies persoenliche Feststellungen, gemacht in gemuetlichen Bussen, die bei den Millionenstaedten zuerst durch diese menschenunwuerdigen Siedlungen fahren muessen, um den Reisenden im sichereren Zentrum abzuladen oder die auf dem Lande die Doerfer und Huetten schnell wieder hinter sich lassen. Wie die Menschen tatsaechlich in ihren jeweiligen Situationen fuehlen und empfinden, laesst sich so nicht herausfinden. Und trotzdem haben diese Aussagen wohl etwas Wahres an sich.
Mit der Armut bist du als Reisender aber auch fast taeglich direkt konfrontiert: ein nach Geld fuer´s Essen fragendes Maedchen, ein am Busbahnhof am Boden schlafender Junge, Haendler, die sich mit dem Verkauf von Ramsch ueber Wasser zu halten versuchen, Wasserverkaeufer, die in der Sonne umherrennen, um die Gluecklicheren zu versorgen und einige Centavos pro Flaeschchen zu verdienen, oder unzaehlige, handwerklich talentierte Kreative und Kuenstlerinnen, die muehsam ihre Kunstwerke an den Mann zu bringen versuchen.
Der Reisende gehoert automatisch und unweigerlich zu den Reichen, selbst wenn er dies nicht moechte. Wer kann schon Geld abheben in Betraegen, die den doppelten monatlichen Mindestlohn locker uebertreffen, mit teuren Busfahrten durch das weite Land kurven, in mehr oder weniger edlen (zumindest nicht heruntergekommenen) Gaststaetten logieren oder jeden Tag auswaerts Essen? Dinge, die den meisten (ohne Garantie, dass diese Schaetzung stimmt) Brasilianern zur Zeit noch vorenthalten sind.
Soll man wegschauen, alles ignorieren oder gar den wohlverdienten Reichtum zur Schau stellen? Duerfen wir solche Laender bereisen oder haetten wir zu Hause bleiben sollen? Muss ich ein schlechtes Gewissen mit mir tragen? Bin ich schuldig und muss ich daher helfen? Kann ich das? Wieso mache ich mir ueberhaupt diese Gedanken? Es beschaeftigt mich!
Salvador als Beispiel: Nach dem Anteil der dunkelhaeutigen Menschen laesst sich das Quartier bestimmen. Schwarze verrichten die Billigjobs. Prachtvillen und abgeriegelte Hohchaeuser, eine von der realen Welt abgeschottete unwirkliche Glanzwelt (wobei Zaeune, Gitter und Mauern in ganz Brasilien die Besitzenden vor ungewuenschten Gaesten schuetzen sollen). Dazwischen winzige Haeuschen und Armutsvierteln. Zur Schau gestellte Luxusgueter neben einem Schlafenden in zerissenen Kleiderfetzen. Reiche Touristen in der sehenswerten Altstadt, die oft von aermeren bewohnt ist. Dazu kommt ( nicht nur in Salvador zu beobachtendes) teils unglaublich arrogantes und dekadentes Verhalten der ¨Mehrbesseren¨, das heisst jener, die sich selber so sehen. All das fuehrt zum Hinterfragen der eigenen Reise.
Hinzu kommen natuerlich Fragen nach den Ursachen fuer solche Zustaende: Spaetfolgen des Kolonialismus und der Sklavenarbeit, Chancenungleichheit, Rassismus, Mentalitaet und Kultur, Unvermoegen, um nur einige zu erwaehnen. Klar, es beschaeftigen sich viel mit diesen Fragen und Problemen und (vielleicht) sind die Zustaend auch besser als vor Jahren. Doch das (westliche) Helfersyndrom, der revolutionaere Wunsch nach Veraenderung, nach einer besseren Welt ist bei mir staerker; irgendetwas muesste man doch machen koennen…Ohnmacht…Und doch ist es halt auch utopisch, Weltverbesserer spielen zu wollen.
Wenn sich nur mehr Menschen an diesen offensichtlichen Ungerechtigkeiten stoeren und darueber nachdenken wuerden!
Wenn es nur nicht regnen wuerde heute, dann koennten wir das Leben in Itacaré besser geniessen und muessten nicht in dieser Pousada mit Doppelzimmern mit eigenem Bad, mit reichhaltigem Fruestuecksbuffet, mit gemuetlichen Haengematten, Baenken und Tischen und grossem Garten mit Schwimmbecken verbringen; weit weg waeren dann all die Probleme…
sláinte
PS: Wir sind auf momentan in Ilheús und warten auf den Bus nach São Paulo – 33 Stunden Busfahrt. Zurueck zum Start.
Mai 9, 2008 um 11:52 |
Hen eigentlich ebis heiteres, luschtigs und froeliches wele schribe. Das gad jetzt jedoch nachem Lesen vo dim Bitrag nuem… wie dem auch sei… 33 Stunde Busfahrt mues ganz schoen haert sii. Wuensch eu trozdem schoeni letschti Stunde in Brasilie
Grues us Marokko (in oeppe 2 wuche bini au wider i de heile Welt zrugg)