Nun sitzte ich also wieder in São Paulo in einem dieser vielen bis unzaehligen Hochhaeuser und warte bis das Flugzeug uns zurueck bringt (wir warten nicht nur, aber auch – manchmal). Das bedeutet auch, dass dies der letzte Beitrag aus Brasilien sein wird. In den vergangenen Wochen haben wir so viele neue Orte kennengelernt, Landschaften gesehen, kulturelle Eigenheiten angetroffen und Kuriositaeten erlebt, dass ich eigentlich noch Seiten schreiben koennte. Da aber der Zeitpunkt des Rueckfluges erbarmungslos naeher rueckt, die Zeit also begrenzt ist, werde ich einfach einige Dinge, die wir als charakteristisch fuer Brasilien ansehen und an die wir uns noch erinnern koennen, erzaehlen. Bitte sehr:
Zuerst moechte ich mich dem Essen widmen, denn in einem so grossen Land mit einer ebenso grossen Immigrationsgeschichte tummeln sich allerhand Kostbarkeiten auf den Tischen. Brasilianer essen unserer Erfahrung und dem Anschein nach auch gerne und viel. Dabei kommt dem Zucker eine spezielle Bedeutung zu, ist er doch in fast allen Lebensmitteln zu finden. Nicht dass bei uns der Zucker ein Schattendasein fristen muesste, aber in jedem Brot ist er doch noch nicht enthalten. Und damit das Suesse ja nicht zu kurz kommt, wird es in Form von Kuchen oft schon zum Fruehstueck serviert. Diese Angwohnheit wiederum stoesst bei mir mittlerweile auf viel Zustimmung, gesuesstes Brot hingegen wird auf die Dauer muehsam.
In Brasilien gibt es auch eine Vielzahl von Restaurants und Imbissstuben. In ersteren kann man alle moeglichen Kuechen finden (speziell in São Paulo), internationale wie auch regionale. Eingehen will ich auf die Churrascarias, eine Erfindung, die alleine schon einen Besuch in Brasilien rechtfertigt – einzige Voraussetzung: man zaehlt sich nicht zu den Vegetariern. Denn Churrasco meint Grillfleisch. Es gibt ein mehr oder weniger reichhaltiges Buffet (je nach Preisklasse, obwohl man fuer umgerechnet 20 Franken schon himmlische Auswahlen vorfindet), wo man sich mit allem Erdenklichen eindecken kann. Danach setzt man sich an den Tisch und beginnt zu essen. Kurze Zeit darauf kommen die Garçoms reihenweise (in der letzten Churrascaria waren es circa 20 Leute) mit ihren Spiessen am Tisch vorbei. Nach Lust und Laune kann man sich dann etwas davon abschneiden lassen oder eben nicht. Wieder je nach Preisklasse sind diese Spiesse (die direkt vom Grill kommen) respektive das daran haengende Fleisch von besserer oder duerftigerer Qualitaet. Von Huehnerherzen ueber Lammracks bis hin zu Braten- oder Filetstuecken wird alles moegliche serviert. Ich denke, man kann sich vorstellen, dass man mit gut gefuelltem Magen diese Lokale wieder verlaesst. Und ja, man isst dabei viel Fleisch, wohl unhaltbar viel, aber als Fleischliebhaber sind Churrascarias einfach ein Muss (und schliesslich is[s]t man nicht jeden Tag in einer Churrascaria).
Eine andere Form der Verpflegung sind die Lanchonetes, wo es Salgados (kleine Teiggebaecke mit verschiedenen [salzigen] Fuellungen), Dolces (Suessgebaecke), Chips in allen Formen und Variationen und Getraenke gibt. Bei groesseren Lanchonetes ist das Angebot natuerlich breiter. Diese Lanchonetes gibt es wie Sand am Meer und wenn man bedenkt, dass Brasilien ueber circa 7000 Kilometer Kueste verfuegt, ergibt das eine ganze Menge. Manchmal hatten wir auch den Eindruck, dass die Bewohner dieses Landes sich durchaus nur noch an solchen Lanchonetes verpflegen koennten. Der geneigte Busreisende, zu welchem wir uns phasenweise auch zaehlten, macht von ihnen dann Gebrauch, wenn der Chauffeur keine Lust auf sinnvolle Halte (sprich bei anstaendigen Restaurants) hat – was vorkommen soll – und die Stopps einfach bei den Rodviárias oder den Rodoferroviárias (also den Busbahnhoefen) macht. Dann begibt man sich zu diesen Lanchonetes und bestellt Dolces (zum Fruehstueck oder als Dessert) und Salgados (als warme Mahlzeit), je nachdem, um welche Zeit der Halt stattfindet.
Normale Restaurants mit Karten und darauf aufgefuehrten Gerichten gibt es auch. Ein Highlight ist dabei, dass zu allem noch Reis serviert wird (oft begleitet von Bohnen): Ein Steack mit Pommes Frites, Salat – und Reis. Lasagne mit Gemuese – und Reis. Fisch mit Kartoffeln, Gemuese – und Reis; so stellte ich mir Asien vor. Die Portionen haben zudem teils unglaublichen Umfang. Wir mussten lernen, dass man der Lust zum Trotz sich durchaus einfach auf ein Gericht, dass dann fuer zwei Personen reicht, beschraenken sollte. Ansonsten bringt der Kellner, so viele Platten mit Speisen, dass man sich etwas komisch vorkommt und nach getaner Arbeit ein Gefuehl der absoluten Saettigung hat.
Wobei wir bei der Verdauung angelangt waeren. Hier bekundeten wir einige Male Probleme, die sich in Unverstaendnis fuer die Durchmesser der Abflussrohre der Toiletten aeusserten. Wenn man schon gezwungen wird, Unmengen an Nahrungsmittel zu essen, dann sollte auch dafuer gesorgt sein, dass man das Ganze (respektive den nicht verdauten Teil davon) ohne Probleme wieder loswerden kann. Brasilianische Toiletten scheinen nicht fuer brasilianische Portionen gebaut zu sein…jedenfalls haben wir so unsere Erfahrungen mit verstopften Abfluessen machen duerfen.
Parkiert wird in Brasilien dort, wo es Platz hat. Es gilt trotzdem gewisse Regeln zu beachten. So muss, wer im Parkverbot halten oder parkieren moechte, die Warnblinker einschalten, ansonsten andere Fahrzeuge die Spur nicht mehr rechtzeitig wechseln koennten. Parkhaeuser gibt es nicht wirklich, dafuer unzaehlige private Abstellplaetze in Vorhoefen, Gebaeuden etc. Ich hatte schon das Gefuehl, dass jeder, der noch irgend ein Stueck unbebautes (oder auch bebautes aber im Parterre nicht genutztes) Land besitzt, ein Estacionamente anbietet. Motorradfahrer (wir nennen sie Toefffahrer) sind sehr risikofreudig. Ihre liebste Beschaeftigung ist das Hupen, duch das sie ihr Anbrausen ankuendigen. Kurz darauf flitzen sie dann mit Hoechstgeschwindigkeiten ueber Kreuzungen oder zwischen stehenden Autokolonnen hindurch. Wie wir erfahren haben, darf auch fast jeden Tag ein solche Toefffahrer sterben. Wobei sie dann gern gesehene Kunden bei den Spitaelern sind (Stichwort Organ- und Extremitaetentransplantation).
São Paulo ist noch immer eine sehr grosse Stadt. Nur ist es nun etwas kuehler geworden, ich wuerde schon fast meinen, dass man Temperaturen um die 20 Grad als kalt bezeichnen sollte. Am Dienstag waren wir im Ibirapuera-Park und die Sicht, die man von dieser Gruenflaeche auf die Innenstadt hat (d.h. kleiner See im Vordergrund, etwas Gruenflaeche mit einigen Baeumen dahinter und im Hintergrund die Silhouetten der Hochhaeuser), entsprach jenen schoenen Photos, die ich aus den Reisekatalogen kenne, die die schoenen und tollen Grossstaedte der Welt anpreisen. Ich war begeistert! Aus dem genannten Hochhaus, wo wir zur Zeit wohnen, lassen sich Papageien beobachten, inmitten der Stadt. Zumindest diese Art von Papageien (kleine gruene Wesen) ist resistent gegen die Luftverschmutzung in São Paulo. Letztere scheint es tatsaechlich zu geben, denn der vergangene Dienstag, unser erster ganzer Tag in der Stadt, war ein sonniger Tag (einer der ersten nach einer Regenperiode) mit klarem Himmel und guter Fernsicht. Schon am Mittwoch war dies dann nicht mehr der Fall: zu sehen ist lediglich noch die erste Reihe der Innenstadthochhaeuser, danach nur noch Dunst. Auch das Sonnenlicht ist eher fahl und abgeschwaecht. Laut Messungen liegen gewisse Verschmutzungswerte mit einem Faktor 15 ueber den von der WHO empfohlenen Werten und Berichten zu Folge gilt São Paulo sogar als Verschmutzungexporteur. Die ganze Strecke nach Rio de Janeiro (wohlwissend eine duenn besiedelte Gegend) weist aehnlich hohe Werte aus.
In Brasilien gibt es ein grosses Publikum fuer Soap-Operas. DIese schoenen Serien laufen auf allen Kanaelen ab fuenf Uhr bis in den spaeteren Abend hinein und gegen Mitternacht kann man sich die Wiederholungen zu Gemuete fuehren. In den Nachrichten gibt es zur Ze itNeuigkeiten ueber den Fall eines Vaters, der seine 5-jaehrige Tochter aus dem Balkon im sechsten Stock schmiss. Die Tochter ueberlebte nicht. Zudem beschaeftigt sich Brasilien mit Ronaldos Nachtleben, nachdem dieser sich mit einer Prostituierten verabredete, dann aber feststellen musste, dass es sich um einen Transvestiten handelt. Dieser bot Hilfe an, weitere Frauen zu bestellen, was Ronaldo, der sich zwecks Genesung einer Verletzung in Rio aufhaelt, genehmigte. Bei den dann zustossenden Personen handelte es sich aber erneut um Transvestiten. Ronaldo wusste nicht mehr ein und aus und setzte die drei Menschen auf die Strasse. Diese forderten jedoch Schweigegeld in Ronaldo´s Lohn gerechtwerdender Hoehe, was dieser nicht zahlen wollte. Darum kann sich nun die Oeffentlichkeit fragen, ob es dabei zu Drogenmissbrauch gekommen ist oder nicht, denn dies waere der einzige straffaellige Tatbestand.
Unter anderem wohl wegen den Soap-Operas haben auch die Fussballspiele unter der Woche zu spaeter Stunde zu beginnen. Am Mittwoch spielte der São Paulo FC im Rahmen des Copa Libertadores, dem suedamerikanischen Pendant zur Champions Leaugue, gegen Nacional aus Montevideo. Spielbeginn fuer dieses Rueckspiel des Sechzehntelfinals: 21.50! Das heisst, wir machen uns nach acht Uhr auf den Weg zum Stadion, die zweite Halbzeit beginnt nach elf Uhr und der Match endet kurz vor Mitternacht. Das Spiel selber ist ein normales Fussballspiel, das aber einige brasilianische Eigenschaften besitzt: lieber fuer die Galerie spielen und noch einen Trick anhaengen als einen einfachen Pass spielen oder lieber mit den Ball ins Tor tragen als den direkten Abschluss suchen. Alles in allem aber ein gutes Spiel, das dank dem Sieg des Heimteams, Dagoberto – welch ein Name (!) – ist kurz vor Schluss fuer die Entscheidung zustaendig, auch mit guter Stimmung im Stadion endet. Interessantes Detail, das auf der Anzeigetafel praesentiert wird: 42´050 zahlende und 92 nicht zahlende Zuschauer ergeben eine Zuschauerzahl von 42´142. Ebenfalls angegeben werden die Bruttospieleinnahmen (etwas mehr als 1 Million R$) sowie der Nettogewinn (etwa 600´000 R$).
Jede brasilianische Stadt verfuegt ueber mindestens ein Motel. Diese Liegenschaften befinden sich meistens eingangs der Staedte, leicht mit dem Auto erreichbar. Ihr Zweck liegt – gemaess gut unterrichteten Informanten – nicht unbedingt bei der Beherbergung von Touristen, dazu gibt es genuegend Hotels und Pousadas. Sie sind eher eine Infrastruktur, die anscheinend von den Einheimischen rege benutzt wird. Auch muss man nicht unbedingt die ganze Nacht ueber im Zimmer bleiben. Sie sind eine elegante Loesung eines Problemes, das sonst in einem religioesen Land (alles moegliche ist mit Jesus angeschrieben, auch die meisten Lastwagen oder Ortschaften, es gibt schatzungsweise annaehernd so viele Kirchen [wobei diese nicht immer in uns gewohnten Gebaeuden untergebracht sein muessen, Lagerhallen genuegen ebenso] wie Lanchonetes) eher kompliziert zu entwirren waere. Man kann sie auch als Stundenhotels bezeichnen.
sláinte