wieder in der Schweiz

By goldfischmichael

Nun denn, ich werde wohl etwas weiter schreiben und berichten, auch hier aus der Schweiz. So geht es jetzt erst einmal darum, diesen unheimlichen Kulturschock zu verdauen. Dank der Technik sind wir heute ja fähig zumindest physisch in kürzester Zeit extremste Distanzen zu überwinden. Ob wir hingegen als Persönlichkeiten schon so weit sind, dies ohne Schwierigkeiten hinter uns zu bringen, wage ich zu bezweifeln. Für mich war es zumindest gedanklich mühsam wieder in der kleinen, engen, sauberen, gepflegten und gehegten und durchorganisierten und verplanten Schweiz meinen Platz einzunehmen. Es ist das erste Mal, dass mir die pingelige Sauberkeit und die (vielleicht auch mentale) Kleinkarriertheit in diesem Lande störend ins Auge sticht. Irgendwie fühlte ich mich im grossen Brasilien freier und weniger eingezäunt.

Was macht ein typischer Schweizer, wenn er von den Ferien zurück ist? Richtig, er geht wieder zur Arbeit. Da ich vielleicht nicht ganz dem Idealtypus des Schweizers entspreche, leiste ich mir einen freien Tag; sozusagen um auszuschlafen und um Angelegenheiten ins Lot zu bringen, die unter Umständen aus dem Lot gefallen sind. Dann drei Tage Arbeit und das Gefühl an diesem wunderbaren Freitagabend, die Ferien seien schon elendiglich weit entfernt. Immerhin gibt und gab es einige Zückerchen, die mir den Aufenthalt in der Schweiz zu versüssen vermög(t)en [Liste nicht komplett, Reihenfolge sekundär]:

Es scheint doch noch so etwas wie ein EM-Fieber ausgebrochen zu sein, welches sich vornehmlich in wunderbar überhöhtem und gesundem (?) Nationalstolz äussert. Die unglaublichen Bemühungen seitens der UEFA und des Schweizer Organisationskomitees – welch angenehmen Job durfte Herr Weibel in den letzten Monaten verrichten – scheinen Früchte zu tragen: Immer mehr Menschen trauen sich offen mit dem T-Shirt ihrer bevorzugten Nationalmannschaft oder sonstigen Kleidern, die eine Zuordnung zu einem solchen vereinfachen, auf die Strasse. Mir als erklärtem Autofan gefallen natürlich ebenso die vielen schön mit einem oder zwei Nationalfläggchen verzierten Blechdosen auf vier (oder mehr) Rädern. Einfach ein prächtiger Anblick!

Wer in die Schweiz zurückkehrt kann sich immer sicher sein, dass nächstens auch wieder Abstimmungen oder Wahlen stattfinden werden. So wird der Reisende (wenn er denn den roten Pass mit weissem Kreuz besitzt), der in Baden aus dem Zug steigt, gleich darauf aufmerksam gemacht, wie wertvoll ein solches Papierbüchlein sein kann. Auf einem Plakat wird für eine komische Initiative geworben, die angeblich verhindern soll, dass dieses Büchlein massenweise verteilt wird. So darf ich also als erstes in Baden ein Déjà-vu erleben. So stelle ich mir eine Rückkehr vor!

Fast so hochkarätig wie das erwähnte Plakat sind dann die Argumente der Initianten, die sie – angeführt einerseits vom ehemaligen Justizminister und andererseits von einem St. Galler Landwirt – im Fernsehen an diesem wunderbaren Freitagabend zu etwas späterer Stunde vortragen dürfen. Sie reden von den „vielen“ (nach den Worten des ehemaligen Justizministers ist es explizit nicht von Bedeutung, was man unter ‘viel’ konkret verstehen soll) Kriminellen, die angeblich eingebürgert worden sind, von den unglaublich hohen Einbürgerungszahlen in der Schweiz im weltweiten Vergleich, von falschen Justizentscheiden und führen zur Untermalung ihrer Argumente etliche Einzelbeispiele auf. Allerdings drücken sie sich, konkrete Fragen zu beantworten. Lieber retten sie sich in mystische und einfache Parolen (Schweizer Tradition, Vertrauen in das Volk, etc.). Mir fällt zudem auf, dass sie vom Schweizer Volk eine etwas zwiespältige Meinung haben: Einerseits trauen sie ihm zu, bei Einbürgerungsfragen die Spreu vom Weizen trennen zu können, das heisst intelligent und ‘richtig’ zu entscheiden; andererseits soll das Volk dann aber nicht in der Lage sein, sich der „Behördenpropaganda“ zu erwehren und ‘richtig’ zu entscheiden. Je nach Sachlage habe ich also die Fähigkeit mündig zu entscheiden (bei Einbürgerungsfragen) oder bin auf die Hilfe dieser Volkspartei angewiesen. Freilich etwas komische Vorstellungen von Vertrauen ins Volk, dafür reichlich unterhaltend!

Aber, wenn ich die Worte von Martin Gremlich aus Künten zitieren darf (AZ vom 16.5.08, Seite 40), diese Katastrophen (ebenso wie die Erdbeben) sind eine Folge der zunehmenden Gottlosigkeit. Wir befinden uns daher in der Endzeit („Lesen Sie die Bibel bei Matthäus 24, 6-14″).

Und da die Endzeit wahrscheinlich die ganze Welt betrifft, spielt es auch keine Rolle mehr, ob ich nun in Brasilien oder in der Schweiz bin. Daher freue ich mich auf die nächsten Monate in diesem gelobten Land im Herzen Europas.

sláinte

2 Antworten zu „wieder in der Schweiz“

  1. Joder sagt:

    wenn du so guet wördsch singe wied schriebsch, denn heti laerm scho längschtens platin-status! imfall…

    heureka

  2. goldfischmichael sagt:

    ach, danke für die blumen…nume, ich finde de gsang vo laerm isch meisterhaft, praktisch ned z unterscheide vonere nachtigall…

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