Immer mal wieder Volkshaus. Zumindest jene alternativen Bands, die sich schon einige Sporen abverdient haben, sind in letzter Zeit oft in dieser Lokalität zu betrachten. Am heutigen Abend kehren die Dropkick Murphys aus Boston zurück an die Stätte, wo sie auch das letzte Mal schon – wenn ich richtig liege, war das im Frühling 2006 – für Schweiss und Festlaune gesorgt haben.
Doch der Reihe nach:
RADIO DEAD ONES dürfen den Abend eröffnen. Und wie das so ist, wenn der Headliner ein derart populärer ist, spielen die Berliner noch vor grösseren Lücken vor der Bühne, das Volkshaus ist erst spärlich gefüllt. Radio Dead Ones spielen angenehm melodiösen Punk mit einem rauchigen Einschlag. Einflüsse von Bands wie Rancid sind nicht von der Hand zu weisen. Auch dem neutralen Betrachter fällt es aber schwer, schon jetzt richtig abzugehen. Immerhin solides Werk, das sie da abliefern, was ja bei weitem nicht immer auf alle Opener zutrifft.
Als nächstes wüten THE UNSEEN über die Bühne. Ebenfalls aus Boston waren sie schon bei anderer Gelegenheit als Support bekannterer Bands dabei, was ihnen jeweils die Möglichkeit gibt, in grösseren Sälen aufzutreten. Denn eigentlich passen sie mir an kleinen Clubshows besser. Dies soll aber nicht heissen, ihr Auftritt habe nicht überzeugt. Wild, heftig, schnell und wütend geht es zu und her, sie liefern das Bild, das man von ihnen gewohnt ist. Obwohl für manche Besucher der Sound nicht optimal abgemischt zu sein scheint, habe ich nichts auszusetzen. Gespielt wird einiges der Alben „Explode“ (das Titel gebende „Exlode“, „False Hope“, „So sick of you“, „New World Disorder“) und „State of Discontent“ („Scream Out“, „Weapons of Mass Deception“, „Dead Weight“). Alles mit Bravour vorgetragen. Abstriche gibt es für die gesanglich melodiöseren Parts der Song des neuen Albums („Break Away“, „Torn and Shattered“). Nicht immer trifft Mark die Töne und die auf dem Album überzeugenden Melodien gehen etwa verloren. Den Wechsel zwischen Schreien und melodiösem Singen sollte Mark noch etwas üben. Insgesamt aber ein gutes Konzert mit ansprechend Platz im Pit für wilde Bewegungen vor der Bühne. Und neben „Live in Fear“ darf neuerdings auch ihr geniales Cover „Paint it Black“ – welch gebührendes Ende – nicht mehr fehlen.
Dann gibt’s Umbaupause, die Leute drängen nach vorne und schon bald ertönen die ersten „Let’s Go Murphys“ Rufe. Lange kann es nicht mehr gehen und die DROPKICK MURPHYS stehen auf den Brettern. Eingestimmt wird das Ganze mit dem zur Tradition gewordenen und von Sinead O’Connor gesungenen „The Foggy Dew“. Was dann folgt, ist eine Demonstration in Sachen Eingespieltheit, Spielfreude und professionellem Auftreten! Dass sich die Murphys musikalisch weiterentwickelt haben, dürfte spätestens beim letzten Album offensichtlich geworden sein. So haben sich diese Veränderungen nicht nur aufs Publikum ausgewirkt – es sind weniger Oi’s und Skins zugegen als auch schon, auch die Instrumentalisierung ist breiter als früher. Im Gegensatz zum Mischer, der sich mit der Breite der Instrumente wohl nicht anfreunden konnte und phasenweise katastrophalen Sound ablieferte, gefällt mir persönlich der neue ausgeprägtere irische Touch der Musik. So gehören denn für mich ihre Interpretation von „Fields of Athenry“ und „Black Velvet Band“ zu den Höhepunkten des heutigen Abends. Ebenso eindrücklich und einfahrend auch die Ballade „Forever“. Neben den gelungenen Einsätzen der Whistle oder der akustischen Gitarre verleiht vor allem die Mandoline mit ihren überaus rhythmischen Einsätzen vielen Liedern einen zackigen Geschmack. Und zuletzt muss Sänger Al Barr gelobt werden. Wie er an diesem Konzert singt, ist mehr als übliches Punkgeschrei, viel mehr, geradezu Opernverdächtig, jedenfalls äusserst eindrücklich! So etwa das Intro zu „Finnegan’s Wake“, das schlicht hervorragend ist. Weiter verzichten die Murphys auf lange Reden, die Musik steht während anderthalb Stunden im Zentrum. Die erwähnte Spielfreude, die sich schnell aufs Publikum überträgt, verleiht dem Konzert bald einen Festcharakter, der bei „Kiss me I’m Shitfaced“ und bei den letzten beiden Songs mit viel Publikum auf der Bühne offen zu Tage tritt. Dass sie trotz allen vermehrten Folk-Einflüssen noch mächtig Gas geben können, beweist die Zugabe von vier Songs, die allesamt schnell und wuchtig daherkommen und das Volkshaus ein letztes Mal in ein Tollhaus verwandeln: „I’m Shipping up to Boston“, „Shattered“, „Skinhead on the MBTA“. sowie „Citizen CIA“ machen nochmal klar, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen haben.
Weitere Songs, die gespielt wurden (ohne Vollständigkeitsanspruch): “Wild Rover”, “(F)lannigan’s Ball”, “Johnny, I hardly knew ya” , “Captain Kelly’s Kitchen”, “Sunshine Highway”, “Boys on the Docks”, “Barroom Hero”, “God Willing”, “State of Massachusetts”.)
Ein toller Abend im altehrwürdigen – nicht ausverkauften – Volkshaus.
Zürich, 13.8.08
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