Rise Against – appeal to reason

By goldfischmichael

Bereits ist ein Monat vergangen seit der Veröffentlichung des fünften Albums der Jungs aus Chicago. Zeit genug also, um sich eingehend mit der Scheibe zu befassen und sich dazwischen auch etwas Abstand zu gönnen. Und um es vorweg zu nehmen, grössere Überraschungen bleiben beim neuen Werk aus. Der sich schon bei „siren song of the counter culture“ abzeichnende Weg wird von der Band konsequent weiter beschritten. Will heissen, der Anteil schneller Stücke wird stetig kleiner, jener der opushaften Punk- (oder bereits Rock-?) Songs grösser. Diese Entwicklung freut sicher nicht jeden Fan, auf der anderen Seite ist klar, dass damit eine bedeutend grössere Fanbasis angesprochen werden kann. Der Beweis dafür liefern die über die Jahre zunehmend höheren Rangierungen in den Charts. So erstaunt es nicht, dass sie mit dem jüngsten Werk bis auf den dritten Rang der US-Billboard Charts hinaufgeklettert sind!

Doch zurück zur Musik: Als Bewunderer vor allem auch der ersten beiden Alben, gestaltete sich die Suche nach Songs, die die Rise Against eigene Mischung aus Drang nach vorne, Intensität und Melodie vereinen, schwierig. Immerhin noch zwei Songs fallen für mich in diese Kategorie: Der Opener „Collapse (Post-Amerika)“ und phasenweise „Kotov Syndrome“.  Ersterer ist textlich ein Aufruf zur Sorge um den aktuellen Zustand unseres Planeten und musikalisch ein gelungener Start: Eindringlich vorgetragen mit einer wunderbaren Melodie im Refrain, einer schönen Dynamik und mit viel Energie.

Die Mehrzahl der Lieder langweilen aber erstmals, der Pepp fehlt, ebenso das Tempo, es dominieren Mid-Tempo Songs mit Hang zu allzu pathetischen Melodien und Songstrukturen. Auch der Akustikbeitrag mag mich diesmal nicht zu überzeugen. Zwar ist der Text äusserst gelungen, aber der Gesangsmelodie fehlt die letzte Überzeugung. Auffallend ist zudem, die einheitliche Dauer der Songs. Ausnahmslos alle sind zwischen drei und vier Minuten, was den Hang zum Pathetischen unterstreicht. Und das erwähnte „Kotov Syndrome“ ist bestes Beispiel, wie ein Song unnötig aufgebläht und in die Länge gezogen werden kann, nur um das wohl anvisierte Zeitlimit zu erreichen.

Mit der Zeit und der dadurch gewonnen Erkenntnis, dass Rise Against von heute nicht mehr an den Anfangstagen gemessen werden sollten, gewinnt das Album doch noch etwas an Kontur und Grösse. Die Texte sind erneut wunderbar formuliert und warten mit tollen Einsichten und Aufrufen auf. Die Produktion ist natürlich einwandfrei, was man sich von den Herren Stevenson und Livermore und ihrem Blasting Room gewöhnt ist (und bei einem Label wie Geffen mit den entsprechenden Mitteln auch erwartet werden darf). Ihr Engagement wirkt weiterhin echt, hierdrauf hat der Labelwechsel (zum Glück) noch keinen Einfluss. Das Material sparende, recyklierbare Digipack, das mit umweltverträglicher Tinte bedruckt ist, rundet diesen Eindruck ab. Und zuletzt gefällt die Stimme von TIm (natürlich) noch immer. Das zwischen Schreien und wunderbarer Betonung der Intensität und Melodik pendelnde Organ weiss zu überzeugen. Auch musikalisch kann ich mich mit der Platte anfreunden, wenn auch das mitreissende Moment ausbleibt.

Alles ist also nicht schlecht und ich würde das Album auch keineswegs als Durchfall bezeichnen. Ein durchschnittliches Werk, das auf solidem Grund steht und bei einem breiteren Publikum durchwegs Gefallen erzeugen wird. Jedenfalls gibt es Songs wie „The Dirt Whispered“ mit einer fast schon kitschigen Gesangsmelodie im Refrain oder „Savior“ mit oh oh oh’s die stark an Offspring erinnern und abermals auf einer (zu) niedliche Melodie im Refrain baut. Songs, die nach einem Durchgang ewig im Hörgang haften bleiben werden.

Insgesamt sind das also dreizehn Songs, die sich eingliedern in den musikalischen Werdegangvon Rise Against, aber nicht auf der ganzen Strecke zu überzeugen mögen. Der Verdacht kommt auf, dass die Band zwecks Geldverdienen oder Ruhm auf vorgspurten und funktionierenden Wegen weitergehen will. Denn markante Entwicklungen oder mutige musikalische Veränderungen sind auf „appeal to reason“ nicht auszumachen.

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