In aller Stille haben sich die Hosen in den letzten Jahren zu einer respektablen Band entwickelt, die neben vielen grossen Erfolgen auch Rückschläge verdauen musste und deren Musik dadurch markant ruhiger geworden ist. Diese Entwicklung kulminierte 2005 im ausserordentlichen Unplugged-Album aus dem Wiener Burgtheater. Ein Album, das zum ersten Mal die erreichte musikalische Reife der Band in ihrer ganzen Breite darzustellen wusste. Vergessen waren der Schrummelpunk und die Opelgang aus den Anfangstagen, ebenso die Energie als noch Opium fürs Volk verbreitet wurde und ein Jägermeister nach dem anderen dran glauben musste. Aufgetrumpft wurde mit wunderbaren Coverversionen und einer Instrumentalisierung, die fast an ein Orchester erinnert.
Und jetzt startet man unter dem Motto „mach’ mal lauter“ in neue Sphären, vereinigt alte Stärken mit textlicher Tiefgründigkeit und versierten Instrumentenkenntnissen. Nach langen drei Jahren heisst es endlich Vorhang auf, die Saison geht wieder los, das Warten hat ein Ende:
Elektrisiert wird man gleich beim ersten Lied schon. Mit zackigen Rhythmusgitarren, viel Punch und einer gehörigen Portion Überzeugung wird durchgestartet. Schon nach einer Minute befindet sich der Hörer inmitten eines jener Refrains, die so symptomatisch sind für die Hosen. Die ausschweifende Stimme Campinos begleitet von herrlichen „Ohohoh’s“, was will man mehr. Glücklich nimmt man zur Kenntnis, dass „Strom“ keineswegs eine Eintagsfliege ist. Mit „Teil von mir“, „Leben ist tödlich“ und „Pessimist“ (welch ein Intro) werden in regelmässigen Abständen absolute Knaller geliefert, die es einem einfach machen, das Album zu lieben.
Nun, die geschätzte Leserin, der geschätzte Leser mag sich fragen, wieso denn die Hosen nicht einfach ein ganzes Album unter Strom setzen können. Darauf gibt es eine ebenso einfach wie kurze Antwort: Sie haben es schlicht nicht nötig. Zu nah sind sie unter falscher Flagge bei ihrem Kreuzzug ins Glück an der musikalischen Vielfältigkeit vorbei gesegelt. Und so bedienen sie sich auch munter bei ihren gemachten Erfahrungen.
Dies macht das Album abwechslungsreich, lässt dem Tänzer genügend Pausen um durchzuatmen und lässt Platz, sich um die Texte zu kümmern. Erinnert man sich an Texte wie „Hofgarten“ oder „Schwarzwaldklinik“, muss die literarische Entwicklung wohl die markanteste gewesen sein. Mittlerweile werden schon fast Lebensweisheiten in elegant verpackter Form dargeboten. Und wem dies zu hochgestochen tönt, der soll sich damit abfinden, dass viel Nachdenkliches und Reflektierendes zu finden ist. Selbst dort, wo vor vielen Jahren noch mit ironischem jedoch gleichwohl seherischem Unterton dem Osten mittels perfider Waffe aus dem Westen das Ende angedroht wurde, steht heute eine kühle Analyse (inklusive messerscharfem Urteil?) der Vorgänge in den so beliebten Tanztempeln (musikalisch bietet „Disco“ ein elektronisches Intro, das sich – eher zum Leid des Schreibenden – auch in den Strophen wiederfindet neben einem typischen Hosen-Refrain und viele, sagen wir speziellen Eigenschaften).
Doch zurück zur Musik! Die noch nicht erwähnten Songs sollen schliesslich nicht abseits stehen, denn einige Perlen finden sich auch da noch. So zum Beispiel „Wir bleiben stumm“, ein Song, der einfach eine schöne Melodie in sich trägt und beschwingt aber ohne Eile vorüberzieht. Oder „Alles was war“, dessen Refrain so geschickt ohrwümerisch anklingt, dass man meint, einen Überhit zu hören. Oder das lüpfig vorwärts springende „Die letzte Schlacht“, das eine äusserst angenehme mit Leichtigkeit gepaarte Spritzigkeit versprüht. Und dann wären da noch die langsameren Stücke, wie Ertrinken“, „Tauschen gegen dich“ und „Auflösen“, die sozusagen den elektrischen Gegenpol zu oben erwähnten Songs bilden. Vor allem „Auflösen“ hat es mir ausserordentlich angetan. Das von Andreas Frege und Brigit Minichmayr im Duett gesungene Lied, das praktisch ausschlieslich mit Cello-Begleitung, etwas Gitarre und Perkussion auskommt, steht sinnbildlich für jene musikalische Reife und Tiefe, die sich die Hosen über die letzten Jahre angeeignet haben.
Insgesamt haben die Hosen ein sehr starkes Album vorgelegt. Welche Songs sich zu den Gassenhauern entwickeln werden, steht noch in den Sternen und wird die nun begonnene Tournee wohl Konzert für Konzert herausfiltern. Eines steht aber fest: Wer den Hosen in den letzten Jahren Altersschwäche und fehlenden Pepp vorgeworfen hat, der wird mit diesem Album eines besseren belehrt. Es kracht gewaltig und die Songs gefallen bald einmal…man kann sich auf die Konzerte freuen…
Jenen, die noch nicht lauter machen konnten, hier zwei Berichte des Konzertes in Zürich vom 1.Dezember 2008: NZZ und Monsieur Bob. Wobei ich aus verschiedenen Beweggründen insbesondere auf den zweiten verweisen möchte…
Schlagworte: Review