Wie ist es doch schön, wenn die Jahre ins Land ziehen. So kann man dasitzen und aus dem Nähkästchen plaudern, oder aber daliegen und die Gedanken in die melancholische Vergangenheit gleiten lassen. Was das Ganze mit dem Konzert von Boysetsfire und den Menzingers am Hut hat, erfahren Sie, wenn Sie sich etwas Zeit nehmen und weiter lesen.
Nun, der Name zerschmilzt auf der Zunge, meine Gedanken wandern in die Vergangenheit. Damals, vor mittlerweile fast 10 Jahren, als ich sozusagen kurz davor stand, Tween zu werden, sah ich Boysetsfire zum ersten Mal. Und ich muss zugeben, allzu viel sagte mir die Band damals noch nicht. Doch das sollte sich in den kommenden Jahren, mit den nachfolgenden Konzerten, mit den endlos abgespielten Cds, den mühsam auswendig gelernten Texten, ändern. Die Band wuchs mir ans Herz, bedeutete (und bedeutet) viel, musikalisch wie inhaltlich. Dann war plötzlich fertig, die Band verkündete ihre Auflösung – aus, vorbei. Wie ein Blick in die persönlichen Konzertanalen zeigt, gab die Band in der Schweiz am 16. Mai 2007 ihr bis heute letztes Clubkonzert, womit wir diese ersten unvergesslichen Moment gefunden hätten. Diese Augenblicke, die alles bedeuten, die sich für immer einbrennen, die einen nie mehr loslassen. Nathan Gray machte sich darauf in Europa zwar nicht gerade rar. Mit seinem mehr als respektablen Zwischenprojekt Casting Out war er mehrmals in Europa zugegen. Doch die Band, die er mit seiner charismatischen Stimme so sehr prägte und mit der er die grössten Erfolge feierte, war eben doch nochmals etwas anderes.
So zogen die Jahre ins Land und im Laufe unzähliger anderer Wiedervereinigungen, kündigten auch Boysetsfire die Rückkehr auf die Bühne an. Eine Ankündigung, die das Herz schon mal schneller schlagen liess und die im Endeffekt dazu führte, dass ich mich sogar mal wieder an ein schönes grosses Open-Air begab. Juni 2011, Greenfield Interlaken, Freitagabend, kleine Bühen, strömender Regen – und Boysetsfire auf der Bühne: herrlich! Und der Hinweis meines langjährigen Begleiters – auch er war zugegen, damals im Mai 2007 – sollte alles noch besser werden lassen: ein Clubkonzert in der Nähe im August, wow!
Es kam, wie es im Leben so oft kommt, Zufälle. Meist lerne ich mit den Vorbands gleich eine Reihe neuer Musikstils und -gruppen kennen. Umso mehr freute mich der Support für das Konzert im Vaudeville zu Lindau: The Menzingers, endlich! Denn, Sie erraten es, auch hierzu gibt es eine dieser schönen Geschichten zu erzählen. Und wie könnte es anders sein – sie begann ebenfalls im Jahr 2007. Damals fiel mir dieses Album mit dem unsäglichen Namen “a lesson in the abuse of information technology” in die Hand und ich war entzückt. So sehr, dass ich in der Dezember Ausgabe des schönen Realrockers, welches es heute in dieser Form leider nicht mehr gibt, vor den Jungs den Hut zog und anerkennend zum ersten Album dankte. Was folgte war eine 7″ namens “hold on dodge” sowie das zweite Full-Lenght “Chamberlain Waits”; unnötig zu sagen, dass alles top Material ist. Und wer noch nicht überzeugt ist, schaut mal hier vorbei. Seit einigen Monaten gehören sie zur Epitaph-Familie und vielleicht sind sie nun deswegen auch endlich bei uns zu sehen.
Zuletzt erinnert mich auch die Fahrt zum Konzert an die vielen Stunden, verbracht in Zügen, Bussen und Autos. Immer mit dem Ziel, diese oder jene Band zu sehen und immer verbunden mit Geschichten, die Erinnerungen werden, die Gedanken kreisen lassen, die manchmal unvergesslich werden. So auch heute, bei schönstem Wetter bis zum Bodensee, ein halbes Mal rundum und schon stehen wir vor dem Club. Bald schon legen Punchers Plant los; eine Kapelle aus München, die zügigen melodiösen Punk an der Grenze zum Hardcore zum besten gibt. Eine junge Band denkt man, als eine junge Band stellen sie sich vor – abgesehen vom einen Gitarristen – und im Nachhinein ist man dann eher überrascht, dass die Gruppe doch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Nicht dass die Musik schlecht ist, aber die Bühnenpräsenz des Sängers lässt eben nicht gerade darauf schliessen, dass sie schon seit einigen Jahren Konzerte spielen.
Dann folgen die Menzingers, das Quartett aus Scranton, Pennsylvania. Die Vorfreude meinerseits war riesig, steigerte sich in den Minuten vor dem Konzert nochmals und wird musikalisch erfüllt, stimmungsmässig eher nicht. Der Sound ist top, Albumqualität sozusagen, und klar, die Melodien vermögen auch live zu überzeugen. Obwohl erster Tag der Europatour und trotz der Anreise am Vortag ist von Müdigkeit nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Jungs sprühen nur so vor Energie und Spielfreude, Tom May ist kaum zu halten, Eric Keen am Bass hat auch ohne Mikro seine Freude und Greg Barnett hat einfach eine umwerfende Stimme. Auf der Bühne läuft also alles rund und nur vor der Bühne hat es noch Platz, zündet der Funke nicht ganz, wird eher konzentriert zugehört als abgefeiert. Immerhin, da die Qualitäten der Band unverkennbar sind, stimmt der Applaus. Und da sie erstmals überhaupt in Deutschland spielen, ist die ausbleibende Stimmung wohl auch darauf zurückzuführen. Letztlich wirkt unter diesen Vorzeichen natürlich die grosse Bühne nicht gerade fördernd – ein kleiner heisser Pub wäre sicherlich verlockender. Nach etwas mehr als 30 Minuten ist die Vorstellung vorbei, die Glücksgefühle vorerst auch. Zu erfahren ist bei der Band, dass im September Songs für das neue Album aufgenommen werden sollen und dieses dann im Januar 2012 erscheinen sollte. Und äusserst wichtig, Pläne für eine nächste Europatournee bestehen…im April 2012. In der Zwischenzeit ist das neuste Video der Menzingers zu empfehlen, es sagt alles: Irish Goodbyes. (Ich weiss, es handelt sich um einen redundanten Link, aber der Song hat es verdient).
Dann ist es an der Zeit für die Herren aus Newark. Schon bevor es dunkel wird, erklingen erste Rufe nach der Band. Die Leute sind etwas enger zusammengerückt, die Stimmung knistert, es kann losgehen, Boysetsfire zurück auf der Clubbühne, ohne Regengüsse und ohne schlammigen Untergrund. Mit “walk astray” und “release the dogs” startet das Set mit den üblichen Verdächtigen, mit “cavity” folgt bereits ein persönlicher Favorit und das erste Frösteln – herrlich! Aufgestellt sind die Jungs auf jeden Fall, Robert springt ungestüm über die Bühne, Chad lächelt liebevoll bei jedem Song, während Josh’s Geschrei durch Mark und Bein geht. Und natürlich thront über dem Ganzen Nathan’s geniale Stimme. Die Lieder ziehen vorbei wie die Erinnerungen an längst vergangene Konzerte. Dass jenes heute bis hierhin noch nicht auf dem Olymp angekommen ist, liegt einerseits sicherlich an den arg hohen Erwartungen, andererseits kann die Band nicht vertuschen, dass sie während der letzten Wochen wohl nicht gerade unendlich geprobt hat – gemäss Insider-Angaben seien es nur die letzten vier Tage gewesen. Da es sich zudem um den Tournee-Auftakt handelt, gibt es doch immer mal wieder eine längere Pause, technisches Dies und Das muss behoben werden, oder der Mann am Mischpult bringt schon mal einen Sampler zur falschen Zeit – was ihm im Übrigen später während der Show eine linkische Bemerkung seitens Nathan einträgt. Nicht dass die Musik übermässig darunter leidet. Zwar hinkt hier und da ein Übergang und schimmert dann und wann eine kleine Improvisation durch. Doch insgesamt halte ich es mit Nathan, der auf ungeduldige Äusserungen aus dem Publikum anmerkt, dass gerade dieses Improvisieren unglaublich spannend sei und entsprechend Abwechslung biete. Was durch die Unterbrüche aber nicht möglich ist, ist diese mythische Stimmung, dieses “alle-zusammen-alles-vergessen”, das Loslassen und komplette Aufgehen in den Melodien. Doch Boysetsfire wären nicht eine grossartige Band, hätten sie nur ihre starken Songs im Köcher. Es gibt ja da noch dieses Accoustic-Intermezzo, das so unscheinbar beginnt mit Nathan am Mikrofon, begleitet nur von Chad, der sich dafür eine Akustik-Gitarre umhängt. Ein erster Song in die Stille hinaus, ein unbekannter dazu. Erst beim zweiten ist das Publikum wieder dabei, und beim letzten – “with every intention” – passiert’s, die Emotionen sind plötzlich da, Gänsehaut, fast schon Tränen ob der Intensität, doch sehen Sie selbst:
Nach solch einem Song ist der Mist natürlich geführt. Nicht nur die Band fühlt sich ab diesen Momenten sicherer, auch das Publikum legt nochmals zu. So vergehen die nächsten Minuten unglaublich schnell, Song an Song, Hit an Hit, ein Circle Pit ergibt sich einfach so, ohne jegliche Aufforderung von der Bühne, sozusagen totale Aufopferung des Publikums. Nett ist natürlich, dass die Band ihre Wurzeln auch heute nicht verleugnet und so kommen neben der frühen Ballade “in hope” einige weitere Perlen aus der rohen Anfangszeit der Truppe zum Zug (entschuldigen Sie bitte, dass ich mich nicht mehr genau an die Titel erinnern kann). Gegen Ende des Sets spielen sie wie fast immer die obligaten “after the eulogy” und “rookie”, die in Sachen Energie von der Band und dem Publikum nochmals alles abverlangen. Und fast wäre es das dann gewesen – fast. Denn wenn man sich als Band schon zu einer Reunion entschliesst, kann man ja auch die ehemaligen Prinzipien von wegen Zugaben gleich Rockstar-Bullshit fallen lassen; sozusagen als logische Folge des Reifungsprozesses…oder so ähnlich. Jedenfalls gibt es am heutigen Abend noch eine Zugabe und erst nach “handful of redemption” ist definitiv Schluss. Ein herrliches Konzert, ein grosses Dankeschön!
Was für unsere kleine Gruppe dann noch bleibt, sind Erinnerungen, sich lösen von der Stätte, sich noch ein T-Shirt oder ein Getränk zulegen, dann dem Tankstellenshop und dem Durchfahr-Restaurant um die Ecke einen Besuch abstatten und schliesslich die Heimfahrt durch stille Dörfer, über leere Strassen…so wie damals, Sie wissen, vor vielen Jahren, als der Spuk begann…
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