Meine geschätzten Damen und Herren, wir haben gewählt, das Schlamassel für die nächsten vier Jahre ist angerichtet. Ich gestehe, allzu ausführlich war dann meine Berichterstattung über den ganzen Wahlkampf hinweg gesehen doch nicht geworden. Doch nun kommen Sie nochmals in den Genuss, in Form eines kurzen und knappen Rückblickes sowie eines herrlichen Leckerbissens. Bitte sehr:
Der so im Trend liegende grünliberale Wähler, der seinem Renommee entsprechend mindestens einmal täglich im Zürcher Hauptbahnhof vorbeipendelt, hat es längst bemerkt: Die Wahlen sind vorbei. Anstelle von die ganze Halle durchquerender, in grossen Lettern sich ankündigenden Meldungen über die stossendsten Missstände in der Schweiz wird wieder ganz normal für Produkte gegen Nackenschmerzen geworben. Auch die, welche die revolutionäre gelbe Abspaltung vom rechten Sünneli auf grünem Grund unterstützen, haben gemerkt, dass es vorüber ist – ab nun ist nicht mehr das Volk gefragt, sondern die Besitzstandwahrung im Bundesrat. Die Leserbriefspalten in den Zeitungen erläutern im Gleichgang mit ihren Pendants in den Portalen im Internet die Umstände und Ursachen für den Wahlausgang, welcher – seit dem auch die Computer um den Genfersee wieder funktionieren – hieb- und stichfest daliegt. Darniederliegt? Nein, das würde ich mal nicht behaupten, immerhin sind neue, bisher unbekannte Gesichter ins Parlament geschickt worden. Wie viel sich von diesem Tatendrang dann effektiv im politischen Tagesgeschäft niederschlagen wird, sehen wir ab Arbeitsbeginn in der Wintersession. Aber darniederliegen tun sie ganz bestimmt noch nicht.
Neben den Parteien hat sich ja augenscheinlich unser liebes Staatsfernsehen mächtig ins Zeug gelegt. SF war überall, bei den Wählenden, auf dem Bundesplatz, bei den Wählbaren, in der Stadt, auf dem Land. Kurz, es prägte für uns den Wahlkampf. Die Wahlen selber wollten dann natürlich ebenfalls herausgeputzt präsentiert werden – ein Studio, 12 Stunden Sendung, viele Leute, eine Fliege. Und ich muss gestehen, viel gelernt zu haben. Wussten Sie zum Beispiel, wie viele Leute es für die Produktion so einer Sendung braucht? Der Wahlsonntag lieferte einen Einblick in diese Welt; zwar nur durch eine weissliche Mattscheibe hindurch, aber immerhin. Ein eindrücklicher Aufmarsch und ebenso eindrückliche Arbeitszeiten…unsere Gebühren sind also sicher gut eingesetzt. Ein Highlight war der Count-Down zur ersten Hochrechnung um sieben Uhr, ebenso jener um neun Uhr; da wurde einem wieder einmal bewusst, wie lange zwei oder drei Minuten sein können.
Zum Schluss, im Sinne einer Erinnerung an den spannenden Wahlkampf, plagiere ich noch Geschriebenes aus einer Gratiszeitung, irgendwann im August veröffentlicht. Zwei Kandidierende und – soviel kann ich verraten – Gewählte lieferten sich folgendes Ping Pong…eine wahre Bereicherung! Doch lesen Sie selber, was auf die Frage, warum die Wohnungsnot so gross sei, gesagt wurde:
W: Weil die Mieten in den letzten 10 Jahren um 60 Prozent gestiegen sind. Was wir jetzt brauchen, ist mehr öffentlicher Wohnungsbau.
R: Die freie Einwanderung ist das wirkliche Problem. Die vielen ausländischen Arbeitskräfte brauchen Wohnungen, das verknappt den Markt.
W: Das stimmt so natürlich nicht. Von 2002 bis 2006 ging die Einwanderung zurück. Die Mieten explodierten trotzdem. Was wir haben ist eine Abzockerei. Die Leute hier werden ausgenommen von Vermietern.
R: Die totale Überregulierung findet vor allem in linken Städten statt. Und alles wird verschärft durch die freie Einwanderung. Darum muss die Personenfreizügigkeit unbedingt eingeschränkt werden.
W: Absurd! Das Problem hat nichts mit der Einwanderung zu tun Diejenigen, die jetzt kommen, sind solche, die in Zug pauschalbesteuerte Grundstücke kaufen. Diese Reichen verdrängen normalen Familien.
R: Es ist bekannt, dass in der Stadt Zürich linke Politiker städtische Wohnungen haben und so auf Kosten der Steuerzahler leben. Was wir brauchen ist die Förderung des Wohnungsbaus. Damit sich auch junge Menschen eine eigene Wohnung leisten können.
W: Nein, wir haben zu wenig Inflation aufgrund einer kaputten Politik der Nationalbank. Sie fokussiert lediglich auf Preisstabilität. Das ist euer Fehler.
R: Die Zersiedelung muss in der Tat gestoppt werden. Darum müssen wir die Einwanderung stoppen.
W: Immobilien fallen nicht unter das Geldwäschereigesetz, werden nicht kontrolliert. Darum die Spekulation.
R: Wenn es so weitergeht, leben Leute mit mittlerem Einkommen am Ende unter der Brücke.
Ähm ja, alles klar, noch Fragen geschätzte Lesende? Nicht? Dann auf die nächsten vier Jahre, ich wünsche viel Vergnügen!
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